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Wohin mit Lotte? Wie mein erstes Solo-Weihnachten meine Freundinnen stresste

Aktualisiert: 1. Jan.



Dieses Jahr habe ich zum dritten Mal in Folge Heiligabend mit meinen Kindern verbracht – und war anschließend über Weihnachten allein. Warum? Weil ich mich bewusst dafür entschieden habe. Hinter mir liegt eine unschöne Trennung und ein Kontaktabbruch zu meinen Eltern. Großfamilienbesuche fallen also aus, Weihnachten findet im reduzierten Rahmen statt. Wie sich das für mich anfühlt? Das will ich erklären.


Weihnachten war früher immer eine riesige Nummer bei uns zuhause. In den letzten Jahren hatte ich mir im Vorfeld regelmäßig enormen Stress gemacht: wochenlanges Grübeln darüber, was ich meinem Vater bloß Lustiges schenken könnte, stundenlange Computerarbeit für liebevoll gestaltete Familienfotoalben, das Einpacken der Geschenkberge, Last Minute Besorgungen in überfüllten Kaufhäusern und nicht zuletzt das Hoffen, dass sich alle gut benehmen und es keinen Streit gibt. Dazu die alljährliche Diskussion: Wo treffen wir uns dieses Jahr? Wenn ich den schwarzen Peter gezogen hatte, war unser Haus so voll, dass Teller und Stühle nicht reichten.


Dann ging an Heiligabend bei Einbruch der Dunkelheit die Tür auf, eine Traube von Menschen stürmte in mein Zuhause und es wurde schlagartig unfassbar laut. Einer wollte Cola, der nächste ein Nickerchen machen, der dritte keine Sauce und der vierte hatte schon wieder ein Glas umgekippt. Im Hintergrund lief Musik, es war viel zu heiß, die Stimmung war überdreht, jeder war irgendwie mit sich selbst beschäftigt und am Ende wollte garantiert jemand Karaoke singen. Beim letzten Mal verließen meine Eltern irgendwann fluchtartig das Haus – und vergaßen alle Geschenke.


Mit etwas Abstand weiß ich heute: Ich war permanent damit beschäftigt, es allen recht zu machen. Es schüttelt mich, wenn ich daran denke, unter welchem Stress ich stand. Und noch einmal schüttele ich mich, wenn mir klar wird, wie viel davon hausgemacht war. Zur Hölle mit Perfektionismus und diesem Liebe-gegen-Leistung-Schwachsinn.


Wie so oft hatte ich meinen Weihnachtsfrust für mich behalten und meinen Freundinnen kaum etwas davon erzählt. Ich dachte auch lange, dass das alles normal ist. Bis ich es nicht mehr dachte. Als dann mein erstes Solo-Weihnachten vor der Tür stand, kam es folglich zu Irritationen.


Heiligabend verbrachte ich zunächst mit meinen Kindern. Wir sangen unterm Baum, packten Geschenke aus und spielten noch eine halbe Stunde – bis es um Punkt 17:00 Uhr an der Tür klingelte. Mein Ex holte die Kinder ab, brachte sie zu sich und seiner neuen Freundin nach Hause und setzte den Bescherungsmarathon dort fort. Um 17:01 Uhr wurde es von jetzt auf gleich still im Haus. Ich setzte mich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein. Alles verlief nach Plan.

Die Ruhe währte allerdings nicht lange. Um 17:05 Uhr rief die erste Freundin an. Mit belegter Stimme fragte sie mich, wie es mir denn ginge und ob ich mich einsam fühlte. „Gut und nein“, sagte ich trocken und würgte sie freundlich ab. Zwanzig Minuten später meldete sich die Nächste und drohte sogar, spontan auf einen Crémant vorbeizukommen. „Auf gar keinen Fall“, sagte ich einen Hauch zu genervt und bohrte so lange nach, bis sie zugab, dass meine Freundinnen sich hinter meinem Rücken ernsthaft Sorgen um mich machten.


Wohin mit Lotte – in Anlehnung an das Weihnachtsbuch Wohin mit Oma – hieß die WhatsApp-Gruppe, in der meine Freundinnen fieberhaft nach Lösungen für meine vermeintliche Weihnachtsmisere suchten. Am Ende hatten sie beschlossen, mich im Schichtsystem stündlich anzurufen. Für den Notfall gab es sogar eine nüchterne Fahrerin, die, wenn es hart auf hart kam, alle zu mir bringen würde. Das rührte mich sehr. Was für ein liebevolles Weihnachtsgeschenk.


Ich versicherte meiner Freundin, dass es mir gut ging, legte auf, hielt kurz inne und schaute mich um. Auf dem Bildschirm flirtete Emily in Paris gerade mit dem gut aussehenden Koch, ich war in meine Gewichtsdecke eingemummelt, auf meinem Schoß stand eine Schale mit meinen Lieblingschips und der Weihnachtsbaum leuchtete. Ich hatte mir diesen Moment genau so vorgestellt – und alles vorbereitet, für den Fall, dass mich die Weihnachtseinsamkeit doch überfallen sollte.


Müsste ich jetzt traurig sein? Ich hörte in mich hinein. Nichts. Vorsichtshalber wartete ich noch mal einen Moment. Immer noch nichts. Ich war einfach nicht traurig.

Also nahm ich mein Handy, bedankte mich bei meinen Freundinnen, wünschte ihnen frohe Weihnachten – und schaltete es aus. Dieser Abend gehörte ganz allein mir, Emily und Paris. Ich genoss ihn sehr.


Nach drei Jahren kann ich sagen: Ich mag mein Solo-Weihnachten. Ich mag die Ruhe, die Kerzen, die Serie, die Chips und die Gewissheit, dass niemand Karaoke singen will. Ja, manchmal vermisse ich meine Familie. Manchmal fehlt mir das Gefühl von früher, die Idee von Weihnachten, wie es einmal gedacht war. Aber dann denke ich an den Stress, an das Funktionieren, an das ständige Bemühen, es allen recht zu machen – und bin unendlich froh, dass ich das gerade nicht leisten muss. Das Fest der Liebe hat eine neue Bedeutung für mich gewonnen. Vor allem bin ich dankbar für meine Freundinnen, die mich auffangen wollen, auch wenn ich gar nicht falle. Die Whatsapp-Gruppe wurde übrigens mittlerweile gelöscht. Lotte muss nirgendwo hin.


P.S. Drei Mal dürft Ihr raten, was ich Silvester mache...

 

 

 
 
 

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