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Mein inneres Hundeschwein

(Tierbild nur exemplarisch)
(Tierbild nur exemplarisch)

Ja, Ihr habt richtig gelesen. Ich trage ein inneres Hundeschwein mit mir herum. Tatsächlich sind Hundeschweine eine weitverbreitete innere Tierrasse, die bei nicht artgerechter Haltung ihren Besitzern vor allem eines bringen: Kummer. Wie sich das ändern lässt?


Das will ich erklären.


Vorab: Das innere Hundeschwein ist abzugrenzen vom inneren Schweinehund, der laut Duden als innerer Widerstand oder Trägheit verstanden wird und davon abhält, etwas zu tun, was man sich eigentlich vorgenommen hat oder tun sollte (z. B. Sport treiben).

Das Hundeschwein macht praktisch das Gegenteil: Es hält seine Besitzer davon ab, träge zu sein und verpflichtet sie dazu, das zu tun, was man tun sollte.


Mein Hundeschwein erschien mir die längste Zeit in Form eines einschüchternden, unbarmherzigen Richters, der mich durch meinen Alltag peitschte und mir durchgehend eine Liste mit To-Dos ins Ohr zischte: mach den Arzttermin, koch mal was Gesundes, kümmere dich um deine Altersvorsorge, räum den Keller auf, reinige die Zahnzwischenräume und spende mal wieder für einen guten Zweck.

Es sorgte auch dafür, dass ich morgens überumständliche Frühstücksboxen für meine Kinder vorbereitete, vor Online-Meetings noch fix den Fußboden saugte und auf jeden Fall „ja“ sagte, wenn mich eine Kollegin um Hilfe bat. 

Mein inneres Hundeschwein übte permanent Druck auf mich aus und achtete penibel darauf, dass ich mich übermäßig höflich verhielt. Das hatte zur Folge, dass ich mich ständig entschuldigte, und zwar auch dann, wenn mir jemand mit dem Einkaufswagen in die Hacken fuhr oder ich etwas zu schnell „ebenso“ rief, wenn mir die Mitarbeiterin am Check-in einen guten Flug wünschte.

Und wenn mir alles über den Kopf wuchs, dann verhinderte mein inneres Hundeschwein, dass ich um Hilfe bat. Ich sollte niemanden zur Last fallen.


Jeden Abend, wenn ich völlig erschöpft im Bett lag, hielt mir mein Hundeschwein eine endlose Anklageschrift all dessen vor, was ich an jenem Tag nicht erledigt hatte. Ich hörte ihm zu und schlief irgendwann in einer schmutzigen Lache aus Schuld und Scham ein.


Ihr hört schon, wer ein Hundeschwein besitzt, braucht keine Feinde. Lange stand ich mit ihm auf Kriegsfuß und ließ mich von ihm durch mein Leben scheuchen.


Als mir vor ein paar Jahren der Arsch völlig auf Grundeis ging, griff ich mir eines Abends mein Hundeschwein, schüttelte es und schrie wutentbrannt: Was willst du eigentlich von mir?


Mein Hundeschwein zog den kleinen Schwanz ein und schien ganz überrascht über meine heftige Reaktion. Es sagte mir, dass es mich liebte und diesen ganzen Aufwand nur betrieb, um mich zu beschützen.  

In dem Moment verstand ich: Mein inneres Hundeschwein war gar kein Monster. Es war die Stimme all der Regeln, Erwartungen und Glaubenssätze, die ich irgendwann für Wahrheiten gehalten hatte. Ich hatte angenommen, dass nur ein leistender, rücksichtsvoller und unauffälliger Mensch ein guter Mensch sei.


Was für ein Missverständnis!


Ich erklärte meinem Hundeschwein, dass Menschen gut sind – so wie sie sind. Und dass es im Leben ums Leben geht und nicht um richtig oder falsch.

Mein Hundeschwein war völlig schockiert, zog sich zurück und weinte viel. Ich legte mich zu ihm und nahm es tröstend in den Arm.  


Nach einer Weile rappelten wir uns wieder auf, zuckten mit den Schultern und begannen langsam wieder unseren Alltag zu bestreiten. Aber wir fremdelten im Umgang miteinander. Mein Hundeschwein wirkte ratlos. Es wollte mich antreiben, aber wusste nicht wohin. Es wollte mich davon abhalten, das Falsche zu tun, aber was war richtig?


Also informierte ich mich über die artgerechte Hundeschweinhaltung und begann unser Training: Weniger Leistung, mehr Menschlichkeit. Ich erklärte meinem Hundeschwein, dass es darauf achten sollte, dass ich ausreichend Pausen einlegte, hin und wieder „nein“ sagte und Grenzen setzte. Es war einverstanden und nach einiger Zeit entwickelten wir uns zu einem eingespielten Team. Kummer? Kaum noch.


Aber mein Hundeschwein wäre nicht mein Hundeschwein, wenn es mich nicht doch ein wenig antreiben würde. Der einschüchternde, unbarmherzige Richter hat sich mittlerweile in einen starken, warmherzigen Cheerleader verwandelt. Dank seines Ansporns bin ich eine Expertin in artgerechter innerer Hundeschweinhaltung geworden und verdiene heute mein Geld damit. Das macht mir viel Freude.


Hin und wieder vergreift sich mein Hundeschwein aus Gewohnheit im Ton. Soeben blökte es mich an, ich solle das Ende dieses Blogartikels etwas verständlicher schreiben. Ich las es mir noch einmal durch, stimmte ihm zu und änderte es ab. Dabei streichle ich ihm gerade liebevoll über den Rücken und erinnere uns beide daran, dass weder Menschen noch Hundeschweine perfekt sind.  


Trägst du auch ein inneres Hundeschwein mit dir herum?

 
 
 

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